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Auf den pompösen Freudentaumel durch Fantasialand folgte 2007 ein schwermütiger, zartbitterer Abgesang auf Bushs zweite Amtszeit. Die verlängerte, freiwillig gewählte Unterjochung des gesunden Menschenverstands verleitete Arcade Fire auch im musikalischen Sinne zur Schwarzmalerei. Drei Jahre später sieht die Zukunft zwar auch nicht gerade rosig aus, doch wenigstens geht George Dabbelju mit seinen abenteuerlichen Bibelexegesen jetzt höchstens noch seinen Buddies in der texanischen Provinz auf den Sack.
Fast zeitgleich mit der tumben Hassfigur ziehen sich die sieben Bandmitglieder nach ihrer kräftezehrenden Welttournee ins Privatleben zurück. Reizüberflutet und emotional entfremdet von ihrem Ausflug in die glitzernde Celebrity-Schaumblase, überkommt die Musiker plötzlich der Wunsch, ihre Heimatorte aufzusuchen. Nach Hause zu kommen - zurück ins traute Heim, wo sie eine gut behütete, unbeschwerte Kindheit verbrachten.
Die diffuse Suche nach Heimat, Unschuld und Geborgenheit führt Win Butler und seine Frau Régine Chassagne auf einem Roadtrip von Montreal bis hinunter nach Texas. Genau gesagt nach The Woodlands, einem Vorort von Houston, wo Win aufwuchs. Doch anstatt des erhofften Déjà-vu-Erlebnisses macht sich Ernüchterung breit.
Die verblassten Kindheitserinnerungen lassen sich angesichts zerfallener oder abgerissener Häuser, fremder Gesichter und völlig veränderter Stadtbilder nicht mehr auffrischen. Nimmerland ist abgebrannt und die alten Freunde spurlos verschwunden. "Took a drive into the sprawl to find the places we used to play. It was the loneliest day of my life", singt Butler programmatisch im tieftraurigen Lamento "Sprawl I (Flatland)". Nur alte, vergilbte Fotos wie das Coverbild konservieren, was einst war.
Arcade Fires desillusionierende Rückbesinnung auf die Kindheit treibt auf "The Suburbs" dennoch erstaunlich inspirierende musikalische Blüten. Mit deutlich abgespeckter Instrumentierung brechen Butler, Chassagne und Co. nach ihrem ernüchternden Erwachen zur klanglichen Pionierfahrt in sechzehn Etappen auf. Die orchestrale Wucht, mit der sie uns noch auf "Neon Bible" in die Knie zwangen, ist einem subtilen Minimalismus gewichen.
Ohne ihren originellen Bandsound, der im leidlich epigonenhaften Indie-Kosmos der Nullerjahre stilbildend ist, zu verleugnen, werfen die Kanadier sämtlichen Mehrspur-Bombast über Bord. Indem sie dem bewährten 'Weniger ist mehr'-Prinzip folgen, dringen Arcade Fire bis zur puren Essenz ihrer Songs vor und erweitern zugleich ihr musikalisches Spektrum.
In "Half Light II (No Celebration)" erobern sie mit viel Charme und Kirmesbuden-Beat new wavigstes 80er-Terrain. Den räudigen Punk-Rocker "Month Of May" hätten auch die Stooges nicht simpler hinrotzen können. Trotz seines melancholischen Grundtons hört man "Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)" seine Affinität zu Blondie und eisgekühlter Diskoschorle selbst durch die dicksten Betonwände hindurch an.
Das ätherische "City With No Children" wird lediglich von einer simplen, aber prägnanten Basslinie getragen. Anstelle der mächtigen Kirchenorgel, die einst "Intervention" veredelte, tut es in "Ready To Start" auch ein billiges Casio. Da jedes Instrument mehr Klangraum hat, sorgt selbst die herkömmlichste Heimorgel für das entscheidende i-Tüpfelchen.
Auch wenn Arcade Fire noch nie so reduziert und aufgeräumt klangen, erzeugen sie auf "The Suburbs" eine unfassbar dichte, wenngleich schwer greifbare Atmosphäre. Wer den funkensprühenden Facettenreichtum dieser verwunschenen Platte bei den ersten Annäherungsversuchen erfassen will, ist schlicht zum Scheitern verurteilt. Dennoch verwette ich meinen Arsch darauf, dass wir es hier mit einem DER Grower des Jahres zu tun haben. "Now our lives are changing fast. Hope that something pure can last", heißt die Quintessenz von "We Used To Wait". Keine Bange, Win, diese einzigartige Symbiose aus lähmender Tristesse und mitreißender Euphorie verschlägt einem auch beim dritten Album die Sprache!
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