Das nächste große Ding kommt aus Kanada, genauer aus Montreal und heißt Arcade Fire. Ihre Vorbilder reichen von den Talking Heads über David Bowie bis zu The Cure. Heutzutage scheint ein Bezug auf die achtziger Jahre bereits Grund genug zu sein, damit die Hypemaschine zunächst gut geölt und anschließend unter großem Trara angeworfen wird. Im Falle von Arcade Fire lassen sich auch gleich prominente Fans wie Eric "Slowhand" Clapton und David "Volvic" Bowie ins Feld führen. Da kann kaum noch etwas schief gehen. Doch den eigentlichen Grund für die Begeisterung um jene unscheinbaren Indie-Rocker aus Montreal stellt das fantastische Debut "Funeral". Zehn große Songs ohne jeden Ausfall: Konfettikanonen laden und ab dafür!
Mit "Funeral" verabschieden die medienscheuen Musiker aus Montreal auch einige Verwandte, die kurz nach den Aufnahmen starben. Vermutlich würden diese sich über einen derart mitreißenden und aufbauenden Soundtrack für ihre Beerdigung wundern. Auf "Funeral" drängen sich wunderschöne Melodien und mitreißende Rockriffs dicht an dicht. Bei anderen Bands hätte ein solcher Fundus für ganze Karrieren ausgereicht.
Schon der beschwingte Opener "Neighborhood 1 (Tunnels)" fängt den Hörer mit dem markanten, leicht hysterischen und herzerreißenden Gesang Win Butlers ein. Was dann folgt, ist ein Wechselbad der Gefühle. "Neighborhood 2 (Laika)" wird in der Strophe geshoutet, unter dem Gesang liegt als Kontrast ein entspanntes Akkordeon. Im Refrain löst sich der Gegensatz straight rockend auf.
Unglaublich schön ist der zweistimmige Gesang von Butler und der feenhaft klingenden Régine Chassagne in "Une Année Sans Lumiere" - ein Song, in dem man sich verlieren möchte. Etwas ungewöhnlich erscheint die Praktik, Balladen in ein rockendes Outro übergehen zu lassen. Außer "Une Année..." lassen Arcade Fire auch "Crown Of Love" rockig ausklingen. Wo man der Band auf den ersten Hördurchgang geraten hätte, einen zweiten Song aus den Outros zu schneidern, erscheinen sie bei näherer Beschäftigung einfach nur noch folgerichtig. Andererseits haben kräftiger beginnende Songs wie "Wake Up" auch immer wieder ruhige und melodiöse Phasen. Auf die richtige Mischung kommt es an.
Die US-Kanadier versuchen mit ihrem Album nicht die Welt zu erklären. Vielmehr beschäftigen sie sich mit den kleinen Dingen, vornehmlich zwischenmenschlichen Beziehungen, mit der Liebe und ganz einfachen Themen wie Nachbarschaft. Ein starker Song folgt auf den anderen, wobei sich nicht alle auf Anhieb erschließen. Hier gilt es am Ball zu bleiben. Als Belohnung winken fast 50 Minuten der Versenkung in einer besonderen, verschrobenen und schlicht schönen Atmosphäre.
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