laut.de-Kritik

Ghersis sakraler Sound nähert sich dem Zeitgeist.

Review von

Die Musik des venezolanischen, mittlerweile in London lebenden Produzenten Alejandro Ghersi alias Arca zählt zum Vertracktesten, das die elektronische Szene zu bieten hat. Auf "Mutant" zersplitterte die Eingängigkeit in eine Millionen schillernde Teile. Und auch auf dem selbstbetitelten Album ringt der mittlerweile 26-Jährige seiner aufregenden Klangwelt neue unerwartete Facetten ab.

"Piel" leiten zu Beginn verstörende Feedbackeffekte ein. Dunkle Bassflächen intensivieren anschließend die beklemmende Spannung. Der Gesang Arcas auf Spanisch klingt zerbrechlich und mystisch. Zum Schluss dringt der Song in neoklassische Sphären vor. Subtilität und Verletzlichkeit prägen einen Großteil der restlichen Tracks. Im Fokus steht die Stimme des Venezolaners. Sie drängt sich den Hörer jedoch keineswegs auf, sondern fungiert in diesem geschlossenen Soundgebilde als ein weiteres Stilmittel.

Das folgende, balladeske "Anoche" und "Desafío" in der zweiten Hälfte zeugen dagegen von seiner Anschlussfähigkeit an die moderne Pop-Musik. Gerade letzterer Track lässt anfänglich zu einem 90er-Jahre-Rave-Beat die Fanfaren aufjaulen, wendet sich mit eleganten, tanzbaren R'n'B-Klängen dennoch um 180 Grad. Mehr Zugeständnisse an den Zeitgeist hat man von Arca als Solokünstler noch nicht gehört. Trotzdem erfordert die Platte die Aufmerksamkeit des Hörers.

Die wuchtigen Soundscapes, die Alejandro Ghersis Musik bisher durchzogen haben, findet man nur vereinzelt auf dem Album, wie bei dem apokalyptisch anmutenden "Urchin" und dem mit leiernden Synthies und brutalen Bässen noch am offensichtlichsten an seine bisherigen Arbeiten anknüpfenden "Castration".

"Arca" dominieren vor allem verträumte, sensible Klangskizzen im Geiste eines Arthur Russels und der spirituellen Anmut des 80er-Ethereal-Waves auf 4AD. Von der Verspieltheit seiner früheren Platten bleibt eher wenig übrig. Somit erweist sich die emotionale Stimme des Venezolaners als äußerst sinngemäß in diesem Kontext.

Das kurze, dafür um so schönere "Saunter", das sich mit dem sakralen Gesang Alejandro Ghersis kontinuierlich bis zum Schluss steigert, beweist dies eindringlich. Die archaischen Klanggemälde von Dead Can Dance übersetzt Arca in dem Track in zeitgenössische Post-IDM-Sounds. Das von synthetischen Streichern getragene, schwebende "Fugaces" orientiert sich mit ambienten Flächen und der wohligen Stimme an den romantischen Art-Pop von David Sylvian.

Den Höhepunkt bildet "Coraje" in der Mitte des Albums. Ein verhalltes Piano, das Erinnerungen an dem Ambient-Meister Harold Budd weckt, hält das reduzierte Klanggerüst zusammen. Durch die fragile stimmliche Betonung des Venezolaners gewinnt der Song zunehmend an Intensität und Schwermut. Die sphärischen Dream-Pop-Ansätze, die sich mit dem Cocteau-Twins-Sample von "Beatrix" von ihrer wunderbaren 84er-Platte "Treasure" auf dem Mixtape "Entrañas" angedeutet haben, spielen auf "Arca" eine tragende und größere Rolle als zuvor.

Das Instrumental "Child" schließt am Ende mit barockem Aufbau und exotischen Klängen daran an. Die Nummer geht folglich in eine Gothic-Sequenz über und führt den Hörer am Ende sanft und repetitiv in die Dunkelheit. Ein gelungener Abschluss eines stillen, gefühlvollen Albums entgegen harscher Klangüberwältigung.

"Arca" emanzipiert sich somit von den an The Future Sound Of London angelehnten IDM-Strukturen des Vorgängers und räumt der introvertierten Seite Alejandro Ghersis mehr Spielraum ein. Die Platte unterstreicht die Wandlungsfähigkeit des 26-Jährigen wieder einmal sehr eindrücklich. Allerdings reicht das Album trotz seiner berührenden Momente nicht ganz an die schiere Komplexität von "Mutant" heran. Der Detailreichtum dieses Ungetüms hat nämlich auch nach rund zwei Jahren kaum an Faszination eingebüßt.

Trackliste

  1. 1. Piel
  2. 2. Anoche
  3. 3. Saunter
  4. 4. Urchin
  5. 5. Reverie
  6. 6. Castration
  7. 7. Sin Rumbo
  8. 8. Coraje
  9. 9. Whip
  10. 10. Desafío
  11. 11. Fugaces
  12. 12. Miel
  13. 13. Child

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