Eigentlich würde er am liebsten hinter einem Vorhang auftreten, erzählt Antony Hegarty in einem Interview mit der italienischen Zeitung "La Repubblica", doch "das gehört sich wohl nicht". Der Mut zum Experimentieren fehlte ihm bei Auftritten vor der Veröffentlichung des vorliegenden Albums dennoch nicht.
Während der ersten beiden Stücke herrschte absolute Dunkelheit. "Passend zum Titel wollten wir die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Konzept von Licht leiten. Wir wollten herausfinden, wie sich das Licht zur Finsternis verhält und damit das Gute zum Bösen", erklärt der gebürtige Engländer weiter.
Womit er den Kern seiner Musik mit den Johnsons treffend beschrieben hat: Aus der Finsternis entspringt ein unverhoffter Lichtstrahl. Der stellt jedoch eher ein Flackern als eine Orientierungshilfe dar. Mal ist er da, mal nicht. Wie die Hoffnung, dass sich die Welt doch noch zum Besseren wenden möge.
"I need another world / This one's nearly gone / Still have too many dreams / Never seen the light", heißt es im Kernstück des Albums, "Another World". Aber auch "I'm gonna miss the trees / I'm gonna miss the sun / I miss the animals / I'm gonna miss you all". Egal, wie man es dreht und wendet: Erlösung ist nicht in Sicht.
Doch es gibt Trost, und zwar in allen zehn Stücken. Wie gewohnt stehen Antonys dunkle Falsettostimme und sein Klavier im Mittelpunkt. Meist minimalistisch arrangiert, begleitet ihn ein Kammerorchester. So entsteht eine Stimmung zwischen Hoffnung und Verzweiflung, die den Hörer gleich mit den ersten Takten in eine eigene Welt entführt, in der es surreal zugeht.
"Ihre Augen sind unter der Erde" lautet der Titel des ersten Stücks, "Epilepsie tanzt" der des zweiten. Passend dazu die Bilder im aufwändigen Booklet, das ein Foto des japanischen Schauspielers Kazuo Ohno ziert. Sein Gesicht scheint das eines Toten zu sein, doch wirkt es ausdrucksstark – noch einer jener scheinbaren Widersprüche, mit denen sich das Album beschäftigt.
Einen wesentlichen Beitrag leistet auch die Poesie der Texte. "Epilepsy is dancing / She's the Christ now departing / And I'm finding my rhythm / As I twist in the snow", so die erste Strophe des gleichnamigen Stücks. "There was no light / Only the white night / First born when the sun / Screamed her eyes open / Daylight in the fields / Daylight mountains / Fire kisses the floor / Of the lakes and makes shadows", beschreibt Antony den Moment, in dem die ersten Sonnenstrahlen die Erde erreichen. Eine Suche nach Bildern und Worten, die auch niedergeschrieben eine ästhetische Form annimmt, wie die Verse von "The Crying Light" zeigen:
Antony als existentialistischen Selbstmordkandidaten einzustufen, wäre dennoch falsch. Der Erfolg des Danceprojekts Hercules And Love Affair, an dem er 2008 maßgeblich beteiligt war, beweist, dass es auch andere Facetten seiner Persönlichkeit gibt. Live gibt der Wahl-New Yorker auch mal "Crazy In Love" von Beyoncé zum Besten.
Mit "The Crying Light" setzt er jedoch konsequent den Weg fort, den er mit "I Am A Bird Now" (2005) begonnen hat: den ätherischer, zeitloser Musik, die direkt auf die Seele zielt.
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