laut.de-Kritik

Kein Ausdruck, kein Mumm, keine Emotionen.

Review von

Mit bunten Bermuda-Shorts, umgedrehten Baseballkappen und dicken Run DMC-Sneakers brachten Anthrax Ende der Achtziger reichlich Farbe ins düstere Metal-Reich. Das Thrash-Rumpelstilzchen Scott Ian und seine vier schlaksigen Kollegen zeigten ihren finsteren Kollegen seinerzeit nur allzu gerne den farbenfrohen Allerwertesten. Dabei sorgten die New Yorker nicht nur mit ihrer ungewöhnlichen Garderobe für Aufsehen in der Starkstrom-Szene, sondern auch mit branchenunüblichen Sounds.

Ob mit innovativem Metal-Rap ("I'm The Man", "Bring The Noise"), Spaßmacher-Krach ("Startin' Up A Posse", "Friggin In The Riggin") oder wummernden Helden-Adelungen ("Parasite", "Antisocial", "Sects"): Anthrax hatten vor zwei Dekaden immer einen Trumpf im Ärmel, wenn eine eingefahrene Hartholz-Party in den Seilen hing.

Von all der unbefangenen Attitüde der Vergangenheit ist heute allerdings kaum noch was übrig. Und der Versuch, knapp 25 Jahre nach dem Erscheinen der monströsen "Penikufesin-EP" mit den acht Songs von "Anthems" an alte Zeiten anzuknüpfen, geht mächtig in die Hose.

Ohne Sperenzchen machen sich Joey Belladonna und Co. auf "Anthems" an insgesamt sechs Rock-Perlen der Rock'n'Roll-Kreidezeit zu schaffen und versuchen dabei, relativ nah am jeweiligen Original zu bleiben. Obendrauf gibt's auch noch das halbwüchsige Violinen-Eigengewächs "The Crawl" in doppelter Ausführung.

Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden, zumal sich die Thrash-Könige von einst mit "Keep On Runnin'" (Journey), "Smokin'" (Boston) oder auch "Big Eyes" (Cheap Trick) ein paar richtig außergewöhnliche Oldschool-Nummern ausgesucht haben. Von der sprudelnden Energie vergangener Tage sind die neuerlichen Tribute-Ergüsse jedoch meilenweit entfernt.

Denn weder die Rhythmus-, noch die zickenbärtige Gitarrenfraktion wecken auch nur ansatzweise alte "Penikufesin"-Erinnerungen. Zu stoisch und emotionslos reihen sich Lehrbuch-Riffs aneinander, während sich Sänger Joey Belladonna an vorderster Front um Kopf und Kragen singt. Abseits gewohnter Gefilde ("TNT", "Jailbreak") präsentiert sich der Frontmann wie ein Akteur der Spielvereinigung Greuther Fürth im Champions-League-Finale – nämlich völlig fehl am Platz.

Kein Ausdruck, kein Mumm, keine Emotionen: mit dem Versuch, sich mit unantastbaren Werken zu messen ("Anthem", "TNT") und völlig banduntypische Gefilde zu betreten ("Smokin'") tun sich Anthrax anno 2013 wahrlich keinen Gefallen. Manchmal lässt sich die Uhr einfach nicht so leicht zurückdrehen.

Trackliste

  1. 1. Anthem
  2. 2. Jailbreak
  3. 3. TNT
  4. 4. Smokin'
  5. 5. Big Eyes
  6. 6. Keep On Runnin'
  7. 7. Crawl (Album Version)
  8. 8. Crawl (Remix)

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8 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Ich habe leider auch nichts anderes erwartet, was schade ist.
    An alte Zeiten anzuknüpfen ist Anthrax in dieser Form gar nicht mehr möglich, besser sie lassen´s gänzlich. Die einzig vertretbare Violine gab es schon bei 'Be all, End all' auf 'State of Euphoria' nebst dem genialen Outfit, welches in der Rezension zu recht gelobt wurde. Der Anthrax-Zirkus geht mir schwer auf den Zeiger, gerade angesichts früherer Großtaten. Die Band, die ich in wilden Tagen so sehr gemocht habe, ist nicht einmal mehr ein Schatten ihrer selbst.
    Go home Anthrax, you had enough. :(

  • Vor einem Jahr

    Ich will John Bush wiederhaben. (So sehr ich die alten Platten mit Joey Belladonna auch mag.) Mal schauen, was der mit Armored Saint noch so auf die Beine stellt.

  • Vor einem Jahr

    @der.grob
    Belladonna only. :) Nein, ich verstehe schon was du meinst, aber mein Bruch mit Anthrax war tatsächlich das White Noise Album. Ich war damals so pissig, als Joey rausgemobbt wurde. Amored Saint ist meiner Ansicht nach die bessere Umgebung für John. Dort kann man noch viel mit ihm erwarten, auch wenn es kein Ersatz für Anthrax ist.

  • Vor einem Jahr

    @UnrealFlint (« Ich habe leider auch nichts anderes erwartet, was schade ist.
    An alte Zeiten anzuknüpfen ist Anthrax in dieser Form gar nicht mehr möglich, besser sie lassen´s gänzlich. Die einzig vertretbare Violine gab es schon bei 'Be all, End all' auf 'State of Euphoria' nebst dem genialen Outfit, welches in der Rezension zu recht gelobt wurde. Der Anthrax-Zirkus geht mir schwer auf den Zeiger, gerade angesichts früherer Großtaten. Die Band, die ich in wilden Tagen so sehr gemocht habe, ist nicht einmal mehr ein Schatten ihrer selbst.
    Go home Anthrax, you had enough. :( »):
    besser kann man's nicht ausdrücken! bin schon nach 'persistance' ausgestiegen. habe auch nie verstanden, warum anthrax zu den big four zählt (und ich liebe die alten platten wirklich!!!!!).

  • Vor einem Jahr

    wegen ihres kommerziellen erfolgs natürlich, weswegen denn sonst.

  • Vor einem Jahr

    @Gentleman Junkie (« Ich halte Belladonna für einen zweitklassigen Klon von Bruce Dickinson »):

    :lol: