laut.de-Kritik

Aktionismus, Pop und eine Ausnahmestimme.

Review von

Letztes Jahr verortete sich Anohni mit "Hopelessness" als politische Transgender-Musikerin in der Musikwelt neu und trug Antony Hegarty als Künstlerfigur endgültig zu Grabe. Das Album zeichnete ein dystopisches Bild der Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt.

"Paradise" knüpft an diese Thematik an und appelliert an die weibliche Verantwortung in Zeiten Donald Trumps. Das Titelstück, das der schweren Ambient-Ouvertüre "In My Dreams" folgt, richtet sich nicht nur gegen die Verleumdung des Klimawandels seitens des neuen US-Präsidenten, sondern rechnet ebenso mit der verschwenderischen kapitalistischen Lebenswirklichkeit ab.

Musikalisch braucht sich "Paradise" mit seinen verschachtelten Trap-Beats und dem kraftvollen, einprägsamen Refrain hinter den schon beeindruckenden Tracks des Debütalbums nicht zu verstecken. Der verspielten Seite des Produzentengespanns Hudson Mohawke und Oneohtrix Point Never räumen die folgenden Songs dagegen noch mehr Spielraum ein.

Ein nahöstliches Flötenmotiv und harte, marschierende Drums ziehen sich durch das anschließende "Jesus Will Kill You". Gegenüber der zerstörerischen amerikanischen Außenpolitik der letzten Jahre spuckt Anohni mit wütend-verzerrter Stimme Gift und Galle. "Burning fields in Iraq, burning fields in Nigeria, burning oceans, burning populations", ächzt sie, während Maschinengewehr- und Detonationsgeräusche aus den Lautsprechern dringen.

Somit klingt die EP direkter und kompromissloser als das ohnehin schon aufrüttelnde globale "Hopelessness". Dagegen fällt der Kontrast zu den introspektiven und ruhigen Songs um so spannender aus. Anohni beleuchtet auf "Paradise" vor allem sich selbst und ihre Rolle als Frau in diesen so unsicheren, gefährlichen Zeiten.

In dem mit sanfter Orgel, sakralen und souligen Gesängen ausgestatteten "You Are My Enemy" verdeutlicht sie ihre feministische Sicht. Sie betont dabei, dass unzählige Kriege auf männliches Streben nach Macht und Profit zurückzuführen seien. "How are we going to ... make the world a better place to live, for all uf us?" fragt eine gebrochene Frauenstimme zum Abschluss des finalen Ambient-Tracks "She Doesn't Mourn Her Loss", zugleich der intensive Höhepunkt der "Paradise"-EP.

Darüber hinaus dürfte dieser Song so manchen Fan, der sich eine Rückkehr zu den kammermusikalischen Epen von Antony & The Johnsons erhofft hat, wieder ins Boot holen. Meditative Ethno-Klänge hüllen die nächsten Minuten über den Hörer atmosphärisch ein. Eine sanfte Akustikgitarre gesellt sich hinzu und versprüht intimes Flair. Im weiteren Verlauf lassen Streicher die Nummer dramatisch anschwellen. Das Ergebnis könnte in Verbindung mit dem klagenden Monolog anrührender kaum wirken.

Dazwischen betont "Ricochet" die zentrale, selbstbewusste Botschaft dieser EP. Der moderne Dance-Pop-Track mit euphorischem R'n'B-Gesang schwingt sich zu einer leidenschaftlichen Ode an die eigene Existenz auf. Anohni schwört auf dieser Nummer der spirituellen Vorstellung der späteren Wiedergeburt ab und stellt klar, dass jeder Mensch nur ein Leben besitzt, um die Erde friedlicher zu gestalten. Weiter geht "Paradise" mit Religionen als Wurzel vieler momentaner Konflikte hart ins Gericht.

Die Fähigkeit, einfühlend und aufopfernd Ungerechtigkeiten entgegenzuwirken, sieht sie als eine naturgegebene feminine Eigenschaft an. In einem Statement zur EP rief Anohni deshalb die Frauen weltweit dazu auf, Einflussnahme auf die Politik auszuüben. In zahlreichen Großstädten hat man dies beim Women's March vor ein paar Wochen wahrgenommen.

Aktionismus und Pop schließen sich für die 45-jährige Künstlerin also nicht aus. "Paradise" vereint diese beiden Komponenten zu einer berauschenden, mitreißenden Mixtur, zusammengehalten von einer Ausnahmestimme, die in der heutigen musikalischen Landschaft ihresgleichen sucht.

Trackliste

  1. 1. In My Dreams
  2. 2. Paradise
  3. 3. Jesus Will Kill You
  4. 4. You Are My Enemy
  5. 5. Ricochet
  6. 6. She Doesn't Mourn Her Loss

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