Herrjeh. Da liegt er doch tatsächlich noch vereinzelt herum, dieser Wortmüll am Ufer des Vorurteilssees. 'Kleinmädchenstimmchen' und 'Fräuleinwunder', sogar die klebrige 'Poplolita' haben irgendwelche Bösewichte weiterhin in ihrem Sprachgebrauch. Hinein damit in den Sack und mit kräftigem Schwung ins Wasser geschleudert. Der ganze Mulm geht zügig und blubbernd unter. Gut so. Und nun betreten wir in Ruhe das große Musikkino, in dem die neuesten Annett Louisan-Kurzfilme laufen.
Die Wahlhamburgerin kann auf erfolgreiche Monate seit ihrem Debüt "Bohème" zurückblicken: Anfangs heimlich, still und leise mausert sich das Album zu einem ebenso großen Kritiker- wie Publikumserfolg, gefolgt von einer umjubelten Tournee. Erste Auszeichnungen, wie etwa die Goldene Stimmgabel, flankieren inzwischen den Aufstieg. Nun erscheint mit "Unausgesprochen" das zweite Werk, wieder produziert vom eingespielten Team unter der Federführung von Frank Ramond. Auf sechs Titeln ist Annett selbst als Co-Texterin aufgeführt.
Es war ein unscheinbares Nischenkino, in dem Annett ihre ersten Werke präsentierte. Doch sehr rasch füllte sich damals der bald zu kleine Besucherraum, und am Ende standen gar lange Schlangen von neugierigen Musikliebhabern davor. Heute befinden wir uns schon in einem großzügigeren Saal, mit erheblich mehr Platz und edlerer Innenarchitektur. Das Licht geht aus, der Kinematograph beginnt zu surren, Vorhang auf.
Mit "Das Große Erwachen" startet die Reise durch fünfzehn detailreiche, kurzweilige Arbeiten. Einfallsreich aufgebaut, mit Spieluhrmelodie, unwiderstehlichem Walzerrefrain und effektiv eingebauten Verzögerungen, sind das genau die Zutaten, für die Musikredakteure in Formatradios stirnrunzelnd das Prädikat "passt nicht ins Programm" vergeben. Gelungener Auftakt also!
Annett beweist spielerisch Wandlungsfähigkeit: Auf die sarkastische Exfreund-Verhöhnung "Torsten Schmidt" folgt mit "Gedacht Ich Sage Nein" eine eiskalt-sezierende Luderstudie. Lasziv steht da die Verführerin vor dem wehrlosen, am Boden liegenden Opfer, ihr unheilvolles Werk genießend. Angejazzt im Stile von Hollywoods 'schwarzer Serie' grüßt hier der Barbara-Stanwyck-Klassiker "Frau Ohne Gewissen". Danach beruhigt die sanfte Akustikgitarre zu "Chancenlos". Anrührend werden die Gefühle eines jungen Mädchens skizziert, das stets im Schatten der scheinbar zu übermächtigen Konkurrentinnen steht: "Eine, die den ersten Kuss mit dem Kissen üben muss".
Viel zu schnell verfliegt die Zeit im Louisan-Musikfilmtheater. So seien nur ein paar Leckerbissen hervorgehoben: "Wo Ist Das Problem?" schwebt im edlen, pointiert-zurückgenommenen Tangoambiente vorbei. Samba-Rhythmen streicheln die Frage: "Wie kriege ich die Zeit bis zu meiner Beerdigung noch rum?" Locker und überlegen, so ganz nebenbei, gibt Annett ihr nicht wohlgesonnenen Hobbyfeministinnen einen süffisanten Fingerzeig mit auf den Weg: "Für das hehre, große Quoten-Frauen-Ziel bin ich zu infantil". "Eve" dokumentiert auf besonders eindrucksvolle Weise den leichthändig anmutenden Umgang mit Worten: "Sie ist progressiv, alternativ, innovativ, sehr impulsiv, geschickt und effektiv/ich hasse sie abgrundtief". Verzaubert und erobert liegt das Männerherz Annett dank der ergreifenden, durchdacht zwiespältigen Fast-Liebeserklärung "Der Den Ich Will" zu Füßen.
Liebe, Frust und Leidenschaft inszeniert sie 15 Lieder lang einfühlsam und mit viel Raffinesse. Annetts Lichtschauspielhaus leuchtet. Im Gegensatz zu den schäbigen Bahnhofskinos, in denen Delmenhorster Dorfchanteusen schmierige Dokusoaps ausbreiten dürfen. Oder fade Ergüsse jener bieder trällernden Vorabendserien-Starlets vorbeiflimmern, die als Reißbrettfiguren halbjährlich Look samt Musikstil austauschen müssen.
Annetts Lippenstift ist kussecht. Es sind meist samtige Songfinger, die zärtlich über den Zuhörerrücken streicheln. Ihre farbigen Pop- und Jazz-Skizzen erkunden einfallsreich Momente, Situationen und Augenblicke, in denen sich gewiss nicht nur Frauen wiederfinden können. Die Künstlerin und ihr Team haben gut daran getan, das Erfolgsrezept von "Bohème" weder überladen aufzupeppen, noch allzu streng daran festzuhalten. Zielstrebig stoßen sie bis dato unbekannte Türen auf und erforschen neue musikalische Varianten. Die Textarbeit funkelt ohnehin als ganz eigenständiges Juwel in der hiesigen Musiklandschaft. Annetts Stimme hat sich weiter entwickelt und überzeugt mit bislang nicht gehörten Facetten und Nuancierungen. So füllt sich das Vakuum, das Zarah Leander, Hildegard Knef und Marlene Dietrich hinterließen. Annett Louisan erscheint oft gar als lang gesuchte, adäquate Enkelin dieser drei großen Damen. Die nicht nur Hoffnungen weckt, sondern sie auch erfüllt.
In einem zart hingetupften Jazz-Aquarell haucht die Louisan am Schluss der Vorstellung fragend-verführerisch: "Was Hast Du Vor?" Ach Annett, das ist doch wohl klar. Ich werde zusehen, rechtzeitig eine Karte für die kommende Tour zu erhalten. Und hoffen, dass am Fanshopstand dann endlich auch eine Flasche mit Deinem Badewasser zu erstehen ist.















... also: kitschig ist aus meinem Munde nicht unbedingt mit schlecht gleichzusetzen. Fand die Review eigentlich auch schön, nur wurde mein Grinsen während der Lektüre nicht unbedingt kleiner. Aber trotzdem gibts ein Kompliment auch von meiner Seite, ist schon nicht ohne.

Letztendlich ist das alles auch persönliche Geschmackssache, und wer diese Art von doch ruhigerer, "schmaler" intrumentierteren Musik mit sehr schönen Texten mag, der kommt voll auf seine Kosten. Und, wie beim ersten Album, wächst das Ganze auch immer mehr, ohne sich das "schönhören" zu müssen. Wer mit der Lady ohnehin nichts anfangen kann, und das ist ja erlaubt, dem geht sowas natürlich vorbei. Bei mir sind das etwa U2: Klar, die haben ihren Status, die haben ihre guten Sachen, aber ich kann mich mit denen überhaupt nicht anfreunden, allein, weil mir Bono auf den Sack geht. Und dann dieses nöhlige & weltverbesserische...Für andere sind U2 ein Diamant. So ist es halt.











Also wirklich. So eine bodenlose Frechheit. 

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