Porträt

laut.de-Biographie

And One

Es klingt wie ein ärmlich konstruierter Mythos und entspricht doch der Wahrheit: Die Geschichte von And One beginnt auf einem Depeche Mode-Konzert. Zumindest steht der 17-jährige Steve Naghavi im November 1987 in der Berliner Deutschlandhalle, um seinen Idolen zuzujubeln. Im Vorprogramm wüten die belgischen EBM-Heroen Front 242, die bei Naghavi einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dem mit reichlich musikalischen Ambitionen ausgestatteten Teenager dämmert plötzlich, dass elektronische Musik auch in einer härteren Gangart funktionieren kann, ohne dass dabei zwangsläufig Melodien auf der Strecke bleiben müssen.

And One - Magnet
And One Magnet
Vom Schildknappen zum Elektropop-Vorreiter in zehn Liedern.
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Es sollte dann aber noch zwei Jahre dauern, bis der 1970 im Iran geborene Naghavi mit seinem Kumpel Chris Ruiz im Bunde für Furore sorgt. Eine der ersten Kompositionen nennt sich "Metalhammer" und sorgt in der Berliner Szenedisco Linientreu für helle Tanz-Begeisterung.

Dank der Unterstützung eines Herren namens Jor, der gerade sein Indielabel Machinery aus dem Boden gestampft hat, gleicht der Werdegang von And One nicht unwesentlich dem ihrer großen Idole aus Basildon, die in Daniel Miller einen frühen Mentor fanden.

Die Parallelen gelten zunächst sogar für den Erfolg: Auf dem Festival Of Darkness in Hannover dürfen die Newcomer auf einer Bühne mit Frontline Assembly und Tommi Stumpff stehen und räumen ordentlich ab. Zu den Accessoires der ersten Live-Auftritte gehören der Legende nach zwei Nebelmaschinen und ein bei Karstadt erworbenes Party-Stroboskop.

"Metalhammer" entwickelt sich 1990 zum Electro-Brenner in der gesamten Republik, das Album "Anguish" erscheint kurze Zeit später. Nach der limitierten Maxi-Single "Second Voice" erscheint 1991 "Aus der Traum", ein musikalisches Anti-Golfkriegs-Statement, für das die Band Sprach-Samples von US-Abgeordneten über Sequencer-Basslines legt.

Mit Keyboarder Alex erwachsen And One zum Trio und absolvieren eine Club-Tour mit Psyche. 1992 erscheint das Album "Flop", auf dem sich Songwriter Naghavi verstärkt deutschen Lyrics zuwendet, musikalisch geht die Reise ein gutes Stück weg vom zumeist peitschenden EBM hin zu melodischem Synthie-Pop.

Die Single "Techno Man" avanciert zum legitimen "Metalhammer"-Nachfolger, auf der Naghavi seine alten Helden Dave (Depeche Mode), Douglas (Nitzer Ebb) und Richard (Front 242) lyrisch aufs Korn nimmt. Stücke wie "Secret Boy" künden von And Ones melodischer Pop-Zukunft, "Rosario" von der Freude an seltsamen, zuweilen naiven deutschen Lyrics.

Nach einer "Monotonie" betitelten EP verlässt Ruiz die Band, für ihn steigt Drummer Joke Jay ein, der das dritte Album "Spot" mit einspielt. Darauf befindet sich mit "Life Isn't Easy In Germany" erneut ein Disko-Hit, der aber nicht ganz an den Erfolg von "Techno Man" heran reicht. Der "I.S.T."-Release bringt 1994 erneut einen Besetzungswechsel mit sich: Rick Schah ersetzt Alex an den Keyboards, produziert wird ein letztes Mal von Naghavi und Jor.

Später kommt es zum Bruch zwischen And One und Jors Machinery-Label, was in einen bösartigen Tantiemenstreit ausarten soll, der im Release der '97er Best Of-Platte gipfelt, deren Erlös weitgehend Jor zukommt. Wie in der Vergangenheit bietet auch "I.S.T." wieder die gewohnte Mischung aus deutschen und englischen Texten auf, die mit dem inzwischen eigenen Bandsound der Marke Lack-und-Leder-Elektro-Pop versehen ist und in Form der Maxi-Releases "Driving With My Darling" und "Deutschmaschine" die Szene bei der Stange hält. Das Werk erscheint in mehr als fünf Ländern, darunter auch in den USA.

Nun erwacht auch die Industrie langsam aus ihrem Dornröschenschlaf und so darf die Band 1997 auf dem Majorlabel Virgin veröffentlichen: "Nordhausen" heißt der Longplayer, den die Band im gleichnamigen Ort mitten im Harz aufnimmt. Die Flucht in die Einsamkeit äußert sich allerdings nicht in kommerziellem Erfolg, was And Ones Plattenfirma weniger lustig findet.

Mit der Single-Auskopplung "Sitata Tirulala" können keine neuen Käuferschichten erschlossen werden, während eingefleischte Fans ratlos vor Nonsens-Nummern wie "Sweety Sweety" stehen, die mit Textzeilen aufwarten wie "Don't take it mir übel when I let you keine ruh', I don't want to drängel you but I only want a Kind from you".

Die Kunst des Unterbietens jeglicher textlicher Schmerzgrenzen zelebrieren Naghavi und Co. ein Jahr später auf dem Song "Pimmelmann", der dem Hang der Band zur Polarisierung ein Denkmal setzt. Textauszug: "Ich fliege über Berg und Tal, wer nackig fliegt, der muss schon mal. Ich seh dich sitzen dort am See und strull in deinen Blasentee. Ich bin der Pimmelmann". Ein Sujet, das zumindest in schwarzen Tanztempeln auf reichlich Gegenliebe stößt. Das dazugehörige Album ist "9.9.1999 9 Uhr" betitelt und soll sinnigerweise auf das Release-Datum des nächsten And One-Longplayers verweisen, ein Projekt das grandios scheitert.

Nach der alten Harpo-Nummer "Movie Star", die sie auf "Nordhausen" coverten, arbeiten sich die Berliner auf "9.9.1999 9 Uhr" am Madness-Song "Michael Caine" ab. Das Album klettert in den deutschen Charts bis auf einen beachtlichen fünfzehnten Platz und spült Steve Naghavis Mannen auf der Running Order des Zillo Festivals '98 bis vor die Headliner von The Cure.

Auf "Virgin Superstar" (2000) macht Sängerin Annelie ihren Einstand, die Steve von den Gruft-Kollegen Cat Rapes Dog abwerben konnte. Naghavi formuliert derweil vollmundig, dass es sein größtes Ziel sei, einmal Nummer eins der deutschen Single-Charts zu werden. Dies vermag die Single "Wasted" allerdings nicht zu leisten.

Nachdem And One bereits Mitte der 90er Mopedfahrten mit Fans organisierten, lassen sie die "Virgin Superstar"-Tour-Setlist online von ihren Fans mitbestimmen. Für den angefixten Internet-Freak Naghavi kein schmerzhaftes Entgegenkommen: "Wenn ich auf ein Depeche Mode-Konzert gehe, will ich gottverdammt nochmal alte Lieder hören", verrät er dem Zillo Magazin.

Die Freude an der Online-Welt verfliegt jedoch rasch, zumindest ist die offizielle And One-Seite ab Dezember 2001 über ein Jahr nicht erreichbar. Mit dem Release des achten Longplayers "Aggressor" sickert 2003 durch, dass die Band zwischenzeitlich beinahe zerbrochen wäre: Nachdem man im Sommer 2001 mit den Studioarbeiten begintn, kracht der 11. September über And One herein. In den folgenden Monaten kriegt der Exil-Iraner Naghavi die Nachteile eines BKA-Anti-Terror-Rasters zu spüren, das in dem unsteten Lebenswandel des Musikers (Wohnungswechsel, Flugschüler) wohl potenzielle Gefahren wittert.

Da tun zerstochene Autoreifen, Telefonabhör-Aktionen und das Ende seiner Ehe ein Übriges, um Naghavi in die Isolation zu treiben. Die Band liegt auf Eis. Ausgerechnet Chris Ruiz, Naghavis alter Mitstreiter aus "Anguish"-Tagen, holt den Berliner 2002 wieder zurück ins Musiker-Leben.

Zum ursprünglichen And One-Nukleus stößt Keyboarder Gio van Oli hinzu. Das Album "Aggressor" erscheint im August 2003, steigt auf Platz 35 der deutschen Charts ein und bietet erstmals ausschließlich deutsche Texte. Live tritt das Trio Anfang August vorerst nur einmal in Köln auf.

Naghavis Pechsträhne reißt trotzdem nicht ganz ab. In der Silvesternacht auf 2004 muss der Sänger mit seinem Auto Feuerwerksraketen ausweichen, kommt von der Fahrbahn ab und erleidet einige Prellungen und eine Sprunggelenksverletzung. Da es sich auf Krücken schlecht rocken lässt, verschiebt sich die für Januar geplante Tournee auf April 2004. Im Spätsommer desselben Jahres macht Ex-Mitglied Joke Jay wieder von sich reden und veröffentlicht mit "Fiasko Deluxe" sein erstes Soloalbum, auf dem einige Gäste mitmachen (u.a. Jens Kästel von Funker Vogt).

Mitte 2006 kommen And One wieder ins Gespräch. Der im Mai erschienenen Single "Military Fashion Show" folgen eine Orkus-Festivaltour mit Funker Vogt, Zeraphine und Division Kent und im Juli drei Maxi-CDs namens "So Klingt Liebe", die jeweils drei Livetracks beinhalten. Im September erscheint mit "Bodypop" Studioalbum Nummer neun.

Das Besetzungskarrussel dreht sich indes munter weiter: Keyboarder Gio van Oli und das zwischenzeitlich zurückgekehrte Gründungsmitglied Chris Ruiz geben 2011 ihren Ausstieg bekannt und legen in ihrer Begründung nahe, dass ihnen die neue musikalische Ausrichtung zu wenig in Richtung EBM gegangen sei. Einen Seitenhieb auf Naghavi können sie sich nicht ersparen: "Wenn es nur darum geht austauschbar und funktionslos zu sein, können wir nicht damit umgehen." Mit Rückkehrer Joke Jay erscheint 2012 das Album "S.T.O.P.", das erste Studioalbum in sechs Jahren.

Eine neue Zukunft läutet die Platte indes nicht ein. In gewohntem Pathos kündigt Naghavi kurz darauf an, And One "im 25. Jubiläumsjahr würdig und erfolgreich zu beenden." Er meint: 2014. Klar also, dass der noch weit entfernte Abschied mit einer großen Live-Sause 2013 gefeiert wird. Naghavi plant zudem, ein Buch über seine Zeit mit der Band zu veröffentlichen.

Alben

And One - Magnet: Album-Cover
  • Leserwertung: Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

2014 Magnet

Kritik von Ulf Kubanke

Vom Schildknappen zum Elektropop-Vorreiter in zehn Liedern. (0 Kommentare)

And One - S.T.O.P.: Album-Cover
  • Leserwertung: 5 Punkt
  • Redaktionswertung: 3 Punkte

2012 S.T.O.P.

Kritik von Michael Schuh

Neu gewonnene Intensität in der Chaosgruppe des Electros. (0 Kommentare)

And One - Live: Album-Cover
  • Leserwertung: 5 Punkt
  • Redaktionswertung: 3 Punkte

2009 Live

Kritik von Ulf Kubanke

Der Ed Wood des Elektropop: zwischen Peinlichkeit und Partylöwe. (0 Kommentare)

Fotogalerien

Live 2007 And One beim Mera Luna 2007.

And One beim Mera Luna 2007., Live 2007 | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) And One beim Mera Luna 2007., Live 2007 | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) And One beim Mera Luna 2007., Live 2007 | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen) And One beim Mera Luna 2007., Live 2007 | © laut.de (Fotograf: Björn Jansen)
  • And One

    Offizielle Seite: spärlich.

    http://www.andone.de/
  • Virgin

    Alte Labelseite, für Nostalgiker.

    http://www.virgin.de/xml/5/3250631/
  • Out Of Line

    Aktuelle Labelseite mit einigen Infos.

    http://www.outofline.de/And_One/index.html

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