4. Juni 2013

"20.000 Alben sind nicht genug"

Interview geführt von

Wieder einmal machten Amplifier im beschaulichen Karlsruhe Station. Es gießt wie aus Eimern, aber die Stimmung ist relativ relaxt.Ein Sel Balamir in 3/4-Hosen und Schlabbershirt begrüßt mich aufs herzlichste. Eigentlich war ein Outdoor-Programm angedacht, das aus verständlichen Gründen gegen das lauschige Backstage-Plätzchen des Substage-Clubs eingetauscht wurde.

Die Tour zum Überraschungsalbum "Echo Street" ist in vollem Gange, das letzte Interview mit den Mancunians ist schon eine Weile her. Es gibt also einiges zu bequatschen.

Ihr habt über euren Newsletter und Facebook verbreiten lassen, dass ihr nicht mehr in Großbritannien spielen werdet, wenn nicht mehr Leute zu euren Gigs kommen.

Ja, das hat auch mit dem leidigen Geld zu tun. Überleg mal: Auf der letzten Tour haben wir 5.000 Pfund Verlust gemacht.

Und diesmal sah es anders aus?

Wir sind Null auf Null rausgekommen. Das ist zwar immer noch nicht super, aber es ging.

Und wie schauts auf dem Festland aus?

Es ist weniger geworden. Die Größe des Publikums bewegt sich zwischen 180 und 250 Zuschauern pro Abend. Bei der letzten Tour waren es ca. 280 bis 350. Aber das liegt wohl auch daran, dass die Ticketpreise relativ hoch sind. Das Publikum hat sich auch ein wenig verändert. Es kommen jetzt mehr ältere Leute zu den Konzerten. Aber das liegt eventuell auch an den Ticket-Preisen, ich finde die ziemlich hoch.

Das letzte Mal, als wir uns unterhalten haben, stand der Release von "The Octopus" kurz bevor. Kannst du uns mal einen Abriss geben, was danach alles passiert ist?

Ungefähr ein Jahr später haben wir uns mal hingesetzt, um alles zu ordnen. Und da haben wir gemerkt, dass es einfach zu viel ist, wenn man sich um alles selbst kümmern muss. Wir waren relativ erfolgreich und haben ungefähr 20.000 Alben verkauft. Aber das ist ja nicht wirklich genug. Um gut davon leben zu können, musst du so etwas alle zwei Jahre machen. Und das alles neben dem ganzen organisatorischen Kram. Da bleibt kaum Zeit, um richtig Musik machen zu können.

Und was denkst du, wie lange ihr noch so weitermachen könnt?

Keine Ahnung. Wir sind ja jetzt bei Kscope, damit ich auf der Business-Seite ein wenig entlastet werde.

Kscope scheint ein ganz netter Laden zu sein.

Ja sicher. Ich habe ja mit mehreren Labels gesprochen. Aber auch Kscope schauen danach, dass sie ihren Schnitt machen. Sie finden auch, dass sich "Echo Street" nicht so gut verkauft hat. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich wieder alles selbst in die Hand genommen hätte. Dann wäre all meine Zeit draufgegangen, während beim Label das Steven Wilson-Album eine größere Priorität inne hatte. Aber das war auch nicht so schlecht, denn in dessen Windschatten hatten wir auch einige Promo.

Hast du eigentlich noch ein Privatleben?

Ja klar. Meine Familie unterstützt mich. Das ist eben mein Job. Ich sorge ja auch für den Lebensunterhalt. Ist schon nicht einfach, in einer Kultband zu sein und den Durchbruch zu versuchen. Keine Ahnung, ob das ohne großen Manager überhaupt möglich ist. Ich habe es mittlerweile aufegeben, hinter das Geheimnis zu kommen.

Nun ja, wenn es da ne Formel gäbe, wäre die Welt voller Rockstars. Was anderes: "Echo Street" kam für mich wie aus dem Blauen heraus. Ich habe nicht wirklich so schnell mit einem neuen Album gerechnet.

Ja klar, so war das auch für mich.

Inwiefern?

Im August 2012 haben wir festgestellt, dass uns die Kohle ausgeht. Wir saßen am Nachfolger zu "The Octopus", waren aber weit von der Fertigstellung entfernt. Das bedeutete: Wenn wir nicht bald mit etwas Neuem nachlegen, hätten wir kein Geld, um am Album weiter zu arbeiten. Wir mussten etwas heraus bringen, bevor es zu spät ist, und das haben wir dann getan. Wir hatten kein neues Material, also habe ich mich mit Matt durch unser Archiv gewühlt. Das waren hunderte Kassetten. Wir sichteten Material aus der gesamten Bandgeschichte. So entstand dieses Album.

Kann ich das so verstehen, dass ihr quasi eine Art "Zwischenalbum" gemacht habt, um weiter am "richtigen" Album zu arbeiten?

Ja, ja, genau. "Echo Street" ist jetzt keine intellektuell ausgearbeitete Platte. Das war nicht geplant. Ein ungeplantes Baby, wenn du so willst. Es passierte einfach. Ich mag es aber sehr.

Es klingt eben komplett anders.

Das musste aber auch so sein. Wir werden wohl nie wieder einen solchen Aufwand betreiben können und vier Jahre im Studio an einer einzigen Sache arbeiten. Zur Entstehung von "The Octopus" möchte ich ja einen Film machen. Ich habe ungefähr die Hälfte fertig gestellt. Mit "The Octopus" gehts auch weiter. Eine Vinyl-Version ist in Planung. Wir haben schon angedacht, das über Pledge Music zu machen, aber da hast du nur ein Zeitfenster von drei Monaten und kannst das nicht an den Start bringen, ohne eine richtige Kampagne zu machen.

Über die Kosten machen sich die wenigsten Gedanken. Es kommen ja auch sofort Beschwerden, wenn es keine Vinyl-Edition gibt, FLAC-Download muss auch sein.

Genau. Selbst wenn du so etwas ganz rudimentär und ohne vernünftiges Packaging machen würdest, also nur das Vinyl, müsstest du mit Kosten von ca. 30 Euro rechnen. Und wenn jemand 30 Euro ausgibt, erwartet er nicht nur die Vinyl-Scheibe. Und dann stell dir "The Octopus" vor: Wir haben so viel Hingabe und Leidenschaft in dieses Projekt gesteckt. Da muss das Ganze einfach einen Wow-Faktor haben. Und dann reden wir über einen Preis von 50 Euro. Und wer bezahlt 50 Euro? Einige vielleicht, aber ganz sicher nicht alle, die sagen, sie hätten gerne eine Vinyl-Ausgabe des Albums.

Wie viele auch immer, es wird auf jeden Fall welche geben, die sich beschweren.

Exakt. Das war ja auch der Grund, warum ich versucht habe, das über Pledge zu machen. Ich wollte mal austesten, wie groß das Interesse ist und den Leuten vor Augen führen, wie aufwändig so ein Prozess ist. Auch eine Live-Umsetzung des kompletten Albums ist in Planung, das auf DVD erscheinen soll und es wird einige ausgewählte Shows geben.

"In Indien riefen 3.000 Leute ständig 'Am-Pli-Fi-Er'"


Wo du gerade das Thema DVD anschneidest. Ich habe mich bei eurer Live-DVD gefragt, warum ihr die Geschichte nicht im Surround-Sound veröffentlich habt.

Ha ha ha!

Kostet das so viel?

Das Ding mit der Live-DVD war, dass es eigentlich gar keinen Plan gab, so etwas zu machen. Wir hatten dann einfach die Möglichkeit, diese Show filmen zu lassen. Das Konzept stand binnen 36 Stunden. Das Budget belief sich auf das Geld, das wir in der Tasche hatten. Die Umsetzung geht eigentlich auf die Kappe eines verrückten Kumpels. Natürlich würde ich so eine Sache gern mal vernünftig angehen, mit Surround-Sound und anderem verrückten Zeug.

Was ich bei dieser Geschichte aber total unterschätzt habe war, wie lange es dauert, eine DVD zu produzieren. Ich hab sowas vorher noch nie gemacht und dachte, das wäre der gleiche Prozess, wie bei einer Platte. Das hat sich dann Monat um Monat hingezogen, aber das Ergebnis ist doch ganz gut.

Ich wollte gerade anmerken: Für ein nicht existentes Budget sieht das doch vernünftig aus. Vor allem ist es ganz wohltuend, dass die Schnitte nicht so hektisch gesetzt sind. Die Kommentar-Funktion ist übrigens sehr spaßig.

Für mich sieht es fast schon ein bisschen zu sehr nach High End aus. Ja, wir hatten sehr viel Spaß dabei.

Was ist eigentlich die Geschichte hinter der Story im Booklet der Deluxe-Edition? Ist das wirklich eine "true Story"?

Ja und nein. Ist eben eine Geschichte, und vielleicht für jemanden auch eine "wahre Geschichte".

Woher stammen die Bilder? Sind das welche aus deinem Fundus?

Ich sammle alte Fotos. Jedesmal, wenn ich in die Türkei fahre, gehe ich auf Flohmärkte und finde dort eine ganze Menge Bilder aus vergangenen Zeiten. Das ist in der Türkei auch sehr interessant. Die Entwicklung vom Osmanischen Reich hin zu einer westlich orientierten Gesellschaft lässt sich gut an den Bildern der damaligen Zeit festmachen.

In den 50ern und 60ern sahen die Leute so aus, wie in den meisten westlichen Städten. Die Bilder, die ich gefunden habe, stammen von Nachlässen aus Häusern, wo es entweder keine Erben gab, oder in denen die Fotografien keiner mehr haben wollte. Ich habe mich dann durch Hunderte Bilder gekämpft und bin zufällig immer wieder auf dieses kleine Mädchen gestoßen.

Und dann hast du eine Geschichte über ihr Leben ersonnen?

Genau. Ich frage mich, ob sie noch lebt.

Mach doch eine Kampagne und such sie.

Hast du "Searchin' For Sugarman" gesehen?

Nö.

Das ist eine Doku über die Suche nach einem amerikanischen Sänger namens Rodriguez. Der war zu Zeiten der Apartheid Ende der 70er in Südafrika ein Star. Er hatte zwei Alben veröffentlicht, die in den USA völlig gefloppt sind. In Südafrika aber waren seine Songs eine Art Soundtrack für den Widerstand, er war beliebter als Elvis. Keiner wusste, wer dieser Rodriguez war. Irgendwann haben sich Mythen um diese Figur gesponnen. Es wurde behauptet, er habe sich auf der Bühne angezündet oder erschossen. 30 Jahre später machte sich jemand auf die Suche nach ihm und hat heraus gefunden, dass er noch lebt! Die haben ihn dann rübergeflogen.

Das ist ja ne Monty Python-Story.

Komplett. Wir waren ja in Indien. Das war fast genau so. Da waren 3.000 Leute, die ständig "Am-Pli-Fi-Er" gerufen haben. Da gab es Leute, die 26 Stunden im Zug unterwegs waren, nur um uns zu sehen. Wir sind gerade dabei, zu schauen, ob wir wieder hingehen können, um eine Tour zu machen.

Rechnet sich das?

Ja, durchaus. Wir haben eine ganze Menge Fans aus Indien.

Denken die, du wärst Inder?

Vielleicht, aber das liegt eher daran, dass es in Indien einen Desi-Superstar namens Imran Khan gibt. Der hat einen Song mit dem Titel "Amplifier" gemacht.

Nicht wahr, oder?

Wart mal ab! (Sel zieht Leine, geht in seinen Backstage-Raum und schleppt sein Laptop an) Zieh dir das mal rein. (spielt auf Youtube so etwas wie einen Autotune Bangra-R'n'B-Style Clip ab)

Hat ja eher weniger mit eurem Sound zu tun, wenn ichs mal vorsichtig sagen darf. Ihr müsst mal ein Album mit dem machen, harr!

(Matt kommt rein)

Ich zeige Alex gerade Imran Khan.

Matt: Wahnsinn, oder? Auf unserer Facebook-Seite tauchen immer wieder Posts von Indern auf wie "I like this song". Das bezieht sich natürlich auf das da. Vielleicht waren ja auch ein paar von denen auf dem Konzert von uns in Indien und haben darauf gewartet, dass sie den Song zu hören bekommen.

Von Indien zurück zum Hier und Jetzt: Ihr spielt ja live als Quintett. Wie kam das zustande? Fühlt sich das gut an?

Sel: Sehr gut. Jetzt können wir endlich mehr Gitarrenspuren übereinander legen.

Matt: Für den Drummer ist es jetzt schwieriger, gegen den ganzen Krach anzukommen.

Sel: Steve hat das früher mit Oceansize ja auch gemacht, dieses Mehrspurige. Bei uns spielen wir dann irgendwann alle dasselbe, ha ha ha! Nein, es klingt schon eine Spur fetter.

Matt: Live kommen ja noch Keyboards hinzu. Früher hatten wir nur Sel und Neil an den Mikros. Jetzt haben sich die Möglichkeiten schon sehr erweitert. Klingt alles mehr nach "wow!".

Sel: Ja, so siehts aus. Es ändert sich alles. Ich kann mich ja nicht hinstellen und auf einer einsamen Insel verquere türkische Musik spielen.

Apropos türkische Musik. Sprichst du auch türkisch?

Sel: Ja klar. Ausreichend, um auf Tour in einem türkischen Laden was zu essen zu bekommen.

Matt: Ja, ja, von wegen. Sobald der in ein Restaurant reinläuft und anfängt, türkisch zu reden, gehts los mit den Schnaps-Runden und "Du bist mein Bruder" und so weiter.

Sel: Gibt ja in jeder großen Stadt einen Türken, der vernünftiges Essen macht.

"Ich wollte nie in einer Prog-Band sein"


Zu eurer Setliste: Spielt ihr jeden Abend den gleichen Käse oder sorgt ihr auch für Abwechslung?

Sel: Wir hatten es zumindest vor, aber letztendlich hat sich keiner so richtig dazu aufraffen können.

Matt: Das ist ja auch ein logistisches Problem. Wir laden unser Zeug aus und machen einen kurzen Soundcheck, bevor es was zu Essen gibt. Ist nicht so, dass wir das nicht gerne machen würden ...

Sel: Wir müssen uns das einfach mal fest vornehmen.

Matt: Wir wollten noch "Old Movies" und "Planet Of Insects" reinnehmen.

Sel: Aber es ist ja auch ein langes Set. Über zwei Stunden.

Matt: Fühlt sich zwar nicht so an, aber es ist schon hart, das körperlich durchzustehen.

Sel: Die "Echo Street"-Songs verleihen unserem Set eine ganz neue Dynamik.

Habt ihr das eigentlich absichtlich so verfolgt, dass die Songs länger und länger wurden?

Sel: Das hat sich eher so ergeben.

Matt: Jemand hat auf Facebook geschrieben, dass er "The Wheel" gehört habe und dachte, es sei ein wenig zu lang. Nachdem er uns live gesehen hat, meinte er, dass es sogar noch länger gehen könnte.

Sel: Ich wollte nie in einer Prog-Band sein, aber anscheinend sind wir jetzt eine.

Matt: Eine Prog-Band?

Sel: Ja. Schon beim ersten Album hat man das über uns gesagt.

Viele Leute brauchen einfach Begriffe, mit denen sie etwas anfangen können, um Bands in ihr Koordinatensystem einordnen zu können.

Matt: Ich mag den Bergiff "Prog" eifach nicht. Progressive ja, aber dieses Gefasel um "Prog" geht mir auf die Nerven. Dasselbe bei Popmusik. Da denke ich immer an den ganzen Chart-Scheiß. "Popular Music" klingt schon wieder ganz anders. Wir haben ja auf dem College Popmusik studiert.

Sel: Ja, wir haben Popmusik studiert, erzähl das aber bloß niemandem!

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Amplifier

Von einer Band aus dem nordenglischen Manchester darf viel erwartet werden. Nicht jedoch, dass sich ebendiese in psychedelisch angehauchtem Alternative-Rock …

Noch keine Kommentare