laut.de-Kritik

Kommen einem die süffigen Songs nicht irgendwann trivial vor?

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"It's not like a déjà vu", sind die lieblich gesungenen Worte, begleitet von dämmrigem Laptop-Beat, die "Body Music" eröffnen. Und doch kommt die Hörerfahrung einem Déjà-Vu gleich: Diese federweiche Mädchenstimme ist keine Unbekannte.

Zumindest, wenn man die Entwicklungen im musikalisch interessierten Teil der Blogosphäre verfolgt. Hier machten in den letzten Monaten zwei gehörig gehypte Phänomene die Runde, deren Erfolg gewiss auch dem auffallend niedlichen Gesang Aluna Francis' geschuldet ist: Für ihren Smasher "White Noise" holten sich Disclosure, die neuen Wunderkinder des UK Garage, die Sängerin an Bord. Und nun folgt das heiß erwartete Debütalbum ihres Hauptprojekts AlunaGeorge, das ihre Vocals zur Gänze ziert.

Schon die drei Songs starke 2012er EP ließ hoffen: Wenn auch nichts Großes oder Neuartiges, so doch zumindest unterhaltsame Kurzweil. Und den hier angedeuteten Pfad beschreiten die beiden Briten auf Albumlänge konsequent weiter. Den Underground-Charme längst abgestreift, reinterpretieren Aluna Francis und Produzent George Reid den Mainstream-R'n'B der 90er.

Was vor einiger Zeit vielleicht noch als Guilty Pleasure in die untersten Fächer der Plattenkiste geschoben wurde, ist jetzt durchaus vorzeigbar: Die unverhohlene Verehrung in Indie-Kreisen ehemals geächteter Popmusik aus Jugend- und Kindheitstagen, wie AlunaGeorge sie betreiben wirkt befreiend. Mit der Coverversion von Montell Jordans 1995er Hitsingle "This Is How We Do It" treiben sie es sogar auf die Spitze. Analog ist es keine Schande, die zuckerbezogenen Wattestücke, die sich "Your Drums, Your Love" oder "Just A Touch" nennen, nun auch offiziell gut zu finden.

So wie schon Hot Chips Joe Goddard fröhlich seinen Wunsch bekannte, einmal mit Timothy Mosley zusammenarbeiten zu wollen, macht auch Reid kein Geheimnis aus seiner Vorliebe für glattpolierte Hip-Hop-Beats aus der Timbaland'schen Erfolgsschmiede. Das infiziert natürlich den Sound, den Reid unter Francis' Vocals legt: Synkopierte 2Step-Beats und zurückhaltende Elektronika-Basteleien ergeben einen lupenrein geschliffenen R'n'B-Pop, reich an Referenzen auf seinen erfolgreichen Vorläufer. Mit Affinität zu subtiler Verzerrung und Verhallung sind Vocals wie Soundeffekte nicht selten gecuttet, gemorpht und gepitcht, verweisen Rhythmus und Klänge zeitweilig auf Glitch und Dubstep, ohne an Lieblichkeit einzubüßen, die das Trademark der Platte bildet.

Die Clicks-and-Cuts-Komplexitäten einer Single wie "We Are Chosen" haben sie weitgehend abgelegt. So versammeln die jungen Londoner hier alle ästhetischen Stilprinzipien, die im Jahr 2013 eine interessante und zugleich Airplay versprechende Platte kennzeichnen. Seidig softe Vocals mit höchstmöglicher Dosis an Kindlichkeit, reduzierte, hier sanft trippelnde, dort etwas herbere Beats zu schwebenden, hauchzarten Hooklines. Diese ziert eine Verspultheit, die nicht verstört, sondern Massenappeal erwarten lässt.

So kreiert Reid mal eine schummrig aufgeladene Atmosphäre, in der klackernde Cowbell und Schmachtgesang sachte ineinander fließen, dann produziert er unerhört eingängige Banger wie "You Know You Like It" und "Attracting Flies", die freimütig größtmöglicher Gefälligkeit frönen.

Wie schon beim kanadischen Duo Purity Ring, das in ähnlicher Besetzung ähnlichen Sound zusammenfrickelt, ist Inbrunst und Tiefgründigkeit sicher nicht die Kategorie, mit der Reids Produktionen oder Francis' Gesang zu beschreiben wären. Alles ist schön glänzende Oberfläche, von der vokalen Performance bis zu den Lyrics. Mehr will die Platte aber auch nicht, das Credo lautet unverblümt "I just wanna have some fun".

Der Veröffentlichungszeitpunkt könnte kaum besser gewählt sein. Wer will in der Hitze schon getragene Melodien und schwer verdauliche Poetentexte hören? Der manchmal seichte Seifenblasen-Pop wirkt so mühelos, so angenehm leichtfüßig wie ein Kinderspiel, das nie ins Stocken gerät.

"Is this paper all I've got ... to keep you from fading away", fragt sich Francis in "Outlines". Unvermeidlich stellt sich die Frage allerdings auch außerhalb des Songnarrativs: Wie lange dauert es, bis der Reiz der geschmeidigen Melodien, des harmonischen Einklangs von AlunaGeorge verblasst? Kommen einem die süffigen Songs nicht irgendwann trivial vor? Sehnt man sich früher oder später vielleicht nicht nach einem Schattenplatz, um sich vor Sonne, Bubblegum und Daseinsfreude zu schützen?

Möglicherweise. Aber bis dahin muss sich niemand schämen, sich am süßen Flöten auf "Attracting Flies" und an den stotternd gechoppten Stimmensamples auf "Diver" oder "Lost & Found" den ganzen Sommer lang zu ergötzen. Auch wenn es vielleicht nur ein kurzer wird.

Trackliste

  1. 1. Outlines
  2. 2. You Know You Like It
  3. 3. Attracting Flies
  4. 4. Your Drums, Your Love
  5. 5. Kaleidoscope Love
  6. 6. Bad Idea
  7. 7. Diver
  8. 8. Lost & Found
  9. 9. Best Be Believing
  10. 10. Superstar
  11. 11. Just A Touch
  12. 12. Body Music
  13. 13. Friends To Lovers
  14. 14. This Is How We Do It

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