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Natürlich hat Alice Russell eine bessere Stimme als die weitaus erfolgreicheren Kolleginnen Winehouse, Duffy und Stone. Aber ebenso natürlich interessiert das niemanden. Für die Gründe könnte sinnbildlich das Cover-Artwork ihrer mittlerweile vierten Platte "Pot Of Gold" stehen. Alice Russell erlaubt den Blick eher auf ihren Speiseplan (Ham & Eggs!) als auf ihr Dekolleté und sie schaut eher in die Kaffeetasse als in die Crack-Pfeife. Schöne neue Soul-Welt!
Wobei Alice Russells Soul-Welt so neu gar nicht ist. Denn nach dem eher neuzeitlichen Remix-Ausflug auf ihrem formidablen "Under The Munka Moon II" hat sich Alice Russell wieder direkt in die Hochzeiten Dusty Springfields und Nina Simones gezaubert. Rückwärtsgewandtheit in Reinform sozusagen. Genau damit hat sich die englische Sängerin kurz nach der Jahrtausendwende mit ihren Auftritten für Quantic und Nostalgia 77 in die Herzen der Soul-Freunde gecroont. Seitdem ist viel passiert, am einschneidendsten war sicher der Weggang vom langjährigen Label Tru Thoughts. Einer der Gründe, wieso "Pot Of Gold" auch mit ein wenig Zurückhaltung entgegen gefiebert wurde.
Aber: Entwarnung! Langzeitproduzent Alex "TM Juke" Cowan ist der Suffolk-Chanteuse erhalten geblieben. Gemeinsam hat man auf dem eigenen Label Little Poppet ein Vorzeigewerk des kontemporären Souls geschaffen. Dazu braucht es nicht unbedingt eine Sound-Fülle Dap King'scher Prägung. Getragen von der Stimme der zierlichen Blondine können auch zurückgeschraubte Drums und ein Bass wie auf "Let Us Be Loving" die musikalische Seele streicheln. Ganz ähnlich auf "Got The Hunger?", bei dem Gitarre und Snare die Basisarbeit übernehmen, bis Bläser und Keys Fräulein Russell freundlich aber bestimmt bitten, ein wenig die Sau rauszulassen.
Auf dem herrlich groovenden "Living The Life Of A Dreamer" nimmt sie die brennendste Frage des Publikums vorweg: "Tell me where did you learn how to make that noise?" Es ist eben nicht gerade naheliegend, dass ein Blondchen von der Ostküste Englands sowas von soulig auf Great Gatsby-Flapper der amerikanischen Zwanziger macht ("Lights Went Out") oder wenig später so zauberhaft sanft die Funk-Keule schwingt, als hätte es eine Chronologie in der Geschichte afroamerikanischer Musik nie gegeben ("Hesitate"). Welches Jahr haben wir gleich? Alice Russell war nie eine Frau für nur eine Sache: Nur Soul ist ihr eben zu einfach. So liefert sie darüber hinaus mit "Crazy" eine astreine Gospel-Version des Gnarls Barkley-Superhits, die sowohl am Lagerfeuer als auch vor dem Kirchenaltar begeistert.
Es findet sich sogar eine Neuauflage ihres eigenen Songs "Hurry On Now". Der Track begründete vor fünf Jahren die Zusammenarbeit mit TM Juke, klingt in der weitaus sauberer ausproduzierten 2009er-Version aber zugegebenermaßen leider nicht annähernd so charmant wie einst. Denn trotz ausbleibender Skandale in der bisherigen Karriere ist Alice Russell weit von einer Künstlerin ohne Ecken und Kanten entfernt. Dass sie dank beeindruckender Stimme und ausgefeiltem Songwriting ordentlich die Hintern der Konkurrenz versohlen kann, beweist sie auf "Pot Of Gold" einmal mehr.
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