laut.de-Kritik

Akustisches Mousse au Chocolat, auf das sich eine ganze Generation einigen konnte.

Review von

Der Plüschgorilla mit seinem "Sexy Boy"-Shirt flog erstmals in einer kalten Februarnacht über meinen Bildschirm. Äffchens Mondfahrt verfolgten erstaunte Passanten und manch verdutztes Tier. Die späte Stunde ließ mich denken, dass die Band, die ich soeben auf MTV entdeckt hatte, ganz allein mir gehörte. Zumindest für diesen kurzen Moment.

Schon am nächsten Tag landete Airs "Moon Safari" in meinem Plattenregal. Nicht selten dienen Singles als Höhepunkte einer Platte, die ansonsten Lückenfüller zukleistern. "Sexy Boy" hingegen konnte gar nicht genügend auf diesen Longplayer der French Band vorbereiten. Abseits des zärtlich-bedrohlichen Stücks, das mehr Atmosphäre als Song war, eröffneten sich für das Jahr 1998 so fremdartige Welten. Die Schule der Lust, halb romantische Naivität, halb schmieriges Softsex-Filmchen. Ein durchgedrehtes Science-Fiction-Märchen, in dem "Barbarella" auf Vic aus "La Boum" und "Emmanuelle" trifft. "Dreams are my reality / The only kind of real fantasy."

Aufstrebende Elektro-Bands hatte Frankreich zu diesem Zeitpunkt einige zu bieten. Der French Touch brachte uns St. Germain, Cassius und Daft Punks Meilenstein "Homework". Aber keine Band klang, obwohl sie weitestgehend englisch sangen, mehr nach französischem Klischee als Air. Ausschweifende Arrangements und verschmuste Hooklines machten aus "Moon Safari", das sich mehrfach am Sound von Serge Gainsbourgs Meisterwerk "Histoire De Melody Nelson" orientierte, ein gesungenes Baguette, eine musikalische Baskenmütze, Mousse au Chocolat für die Ohren.

Home taping is killing music. In Zeiten, in denen ein CD-Rohling noch 17 D-Mark kostete und in verschlossenen Glasvitrinen feil geboten wurde, verteilte ich eine TDK SA-90 mit meiner Neuentdeckung an jeden einzelnen meiner Freunde, entfernten Bekannten und vorbeischlendernden Nachbarn. Jeder von ihnen verfiel dem Zauber von "Moon Safari" und steckte sich mit dem Air-Fieber an.

Anfangs nur durch Mundpropaganda verbreitet, steigerte sich das Interesse an der Band, dessen Name als Akronym für "Amour, Imagination et Rêve" steht, zusehends. Spätestens mit der Veröffentlichung von "All I Need" im November 1998 wuchs sich der anfangs verhalten aufgenommenen Geheimtipp zum Selbstläufer aus. Lange vor Instagram legte das Stück einen nostalgischen Filter über seine Umwelt. Eine einschmeichelnde Ballade, zu deren sanft gezupften Gitarre Beth Hirsch ihre eleganten Vocals mehr haucht als singt. "Moon Safari" war das eine Album, auf das sich eine ganze Generation einigen konnte.

Der Duft von Frische nach einem Sommergewitter durchweht "You Make It Easy", das nächtliche Gegenstück zu "All I Need". Die Bontempi-Orgel pluckert fleißig einen Bossa Nova-Rhythmus, der allgegenwärtige Bass schnarrt behaglich, ein dramatisches Piano setzt ein. Hirsch leiht auch diesem Lied ihre Stimme, klingt hier aber deutlich rauer. Im Zentrum durchbricht ein Glockenspiel sowie ein opulentes Streicherarrangement den zurückhaltenden Track.

Der Opener "La Femme D'Argent" gehört heute noch zu den stärksten Songs aus Nicolas Godins and Jean-Benoît Dunckels Air-Schmiede. Jedes Element des Tracks, vom hypnotischen Basslauf, der ebenso unaufdringlichen wie unvergesslichen Melodie, bis hin zu den charakteristischen Percussions aus Edwin Starrs "Runnin'", platzieren die beiden Franzosen sorgfältig überlegt. Die analogen Synthesizer umgibt eine geheimnisvolle Glückseligkeit. Zunehmend wirbeln sich Korg MS20 und Moog in den Vordergrund und gipfeln in Dunckels entrücktem Solo.

Den Grundtenor des Longplayers verfeinern Air um zartgliedrige Aspekte. Das erhabene "Ce Matin Là” nähert sich mit Mundharmonika und Tuba dem Easy Listening-Charme eines Burt Bacharach. Im sich allmählich aufbauenden "Talisman" führen Wurlitzer, Bass und Streicher eine leidenschaftliche Ménage-à-trois. "Le Voyage De Pénélope" schließt den Kreis und führt zurück zu "La Femme D'Argent". Dabei verläuft Pénélopes Reise zu nah an der Sonne entlang, streift Pink Floyd und Captain Future, bis "Moon Safari" letztendlich langsam zerschmilzt.

Um den reizvollsten Song der Ära zu finden, muss man sich jedoch etwas abseits umschauen. "Jeanne" hat es damals unverständlicherweise nicht auf die Originalversion des Albums geschafft und versteckte sich auf der B-Seite der "Sexy Boy"-Single. Eine von der großen Françoise Hardy vorgetragene melancholische Gitarren-Ballade, die in einem bittersüßen Theremin-Solo gipfelt.

Heute blicken wir auf die doppelte Portion Nostalgie zurück. Ein Album, das uns durch seinen Zeittunnel zurück in die 1970er und 1990er schickt und so eine weitere Stufe der Sehnsucht erreicht. Ein solch geschlossenes Album wie "Moon Safari" konnten Air, die sich 2001 mit "10000 Hz Legend" von ihren Trademarks entfernten, um auf "Talkie Walkie" 2004 wieder auf den gesicherten Weg zurück zu kehren, kein zweites Mal vorlegen. Eine betörende Space Oddity, wohlklingend und schmachtend, zwischen Realität und Traumwelt pendelnd. Liebe, Fantasie und Traum. Amour, Imagination et Rêve.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. La Femme D'Argent
  2. 2. Sexy Boy
  3. 3. All I Need
  4. 4. Kelly Watch The Stars
  5. 5. Talisman
  6. 6. Remember
  7. 7. You Make It Easy
  8. 8. Ce Matin Là
  9. 9. New Star In The Sky
  10. 10. Le Voyage De Pénélope

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