laut.de-Kritik

Vom Teeniestar zur Queen of Urban Pop.

Review von

"Ich hebe ab, ich fühle mich frei. Keiner kann mich erreichen. Ein wundervolles Gefühl. Trotzdem beunruhigt mich dieser Traum ein bisschen. Was will er mir sagen? Dass ich fliehen möchte vor dem Druck des Erfolgs?"

Am 30. August 2001 veröffentlicht Die Zeit einen Mitschnitt von Aaliyahs Gedanken. Posthum. Fünf Tage zuvor stürzte die 22-Jährige beim Videodreh für die Single "Rock The Boat" auf den Bahamas mit dem Flugzeug ab und starb, wegen eines lizenzlos fliegenden, mit Drogen vollgepumpten Piloten zusammen mit acht weiteren Passagieren. Ihr beunruhigender Traum erfüllte sich auf tragische Weise.

Den "Druck des Erfolges" spürt die Sängerin schon im Monat vor ihrem Tod. Ihr im Juli veröffentlichtes drittes Album "Aaliyah" rollt, obwohl auf Platz zwei notiert, nur schwer aus den Startlöchern. Zu hoch sind die Erwartungen der Plattenfirmen und Fans an die Sängerin und "Romeo Must Die"-Schauspielerin.

Der Grund: Fünf Jahre zuvor liefert Aaliyah als Teenie-Star und legitime Janet Jackson-Nachfolgerin mit "One In A Million" einen Genre-Klassiker und Meilenstein der 90er ab. Zusammen mit den gerade erst durchstartenden Timbaland und seiner Sandkastenfreundin Missy Elliott durchbricht die damals erst 16-Jährige die Grenzen des R'n'B, bekommt von der Presse den Titel "Queen of Urban Pop" verliehen und beeinflusst mal eben sämtliche Künstler der folgenden 20 Jahre. Da kann man sich durchaus verwundert die Augen reiben:

"Aaliyah, Aaliyah, wake up. You've just now entered into the next level. The new world of funk (aha)."

Vom Intro "Beats 4 Da Streets" an stellt Mentorin Missy Elliott klar: Hier wird Geschichte geschrieben, es geht voran. Besonders die ersten beiden Tracks, die Hits "Hot Like Fire" und "One In A Million", definieren alles. Timbaland feiert mit Ginuwines Debütalbum und vor allem mit "One In A Million" als aufstrebender Beatbastler 1996 mit dem zehn Jahre lang dominierenden tanzbaren Electro-Hip Hop-Sound seinen Durchbruch.

Die Snare schlägt bretthart und gnadenlos auf Beine und Kopf ein, die volle Bassdrum lässt die Hüften von Slow Jam bis 2Step wippen. Die High-Hats zischen scharf, während im Hintergrund immer wieder verfremdete Geräusche und kurze Synthie-Loops auftauchen und fluchtartig verschwinden.

Timbo verzichtet auf klebrige Streicher oder andere raumfüllende Instrumente und lässt Sängerin Aaliayh genügend Platz für ihre Parts. Stark beeinflusst von Missys Rap-Gesang, wechselt sie zwischen Stakkato-Strophen, Adlibs und Flüster-Flow munter hin und her und füllt mit sanftem Timbre die Räume und Lücken. Die Stimme wird zum Musikinstrument.

Der Titeltrack und dritte Single markiert dabei Anfang 1996 den Auftakt der Zusammenarbeit. Aaliyah hatte sich gerade von ihrem Ehemann und Debüt-Produzenten R. Kelly getrennt. Als Minderjährige war ihre Ehe annulliert worden. Infolge der Trennung verliert sie Kelly, der ihr noch das Debüt "Age Ain't Nothing But A Number" zusammengestellt hatte, auch als Produzenten, Jive Records setzen sie vor die Tür.

Wie selbstbewusst und autark sich Aaliyah bereits als Jugendliche durch das Haifischbecken der Musikindustrie bewegt, beweist die Tatsache, dass sie trotz der folgenden medialen Grenzerfahrung selbst nach neuen Einflüssen und Verbündeten sucht. Sie hört ein Demotape des Tracks "Sugar And Spice", produziert von den noch recht unbekannten Timbaland und Missy Elliott. Aaliyah ist begeistert. Angespornt von den Möglichkeiten, entwickelt das Duo Studio ihren kommenden Trademark-Sound: "Wir nahmen unseren Track, loopten allerhand Geräusche und Töne und rührten die ganze Suppe einmal um. Fertig", so Missy später.

Sechs weitere Songs auf "One In A Million" entspringen dem neuen, frischen Dream-Trio. Auf "If You Girl Only Knew" holt Timbo einen dunklen, synthisierten Funkbass aus den Rechnern, über den Aaliyah den perfekten, etwas dunkleren Flow findet. "4 Page Letter" und "Heartbroken" zeigen, dass die Kombi aus minimalistischen Sounds, knallenden Drums und Aaliyahs variablen Style auch als schweißtreibende Ballade funktioniert. Die letzten drei Tunes "Never Comin' Back", "Ladies In Da House" und das Outro "Came To Give Love" schließen den Meilenstein gebührend ab, setzen aber keine weiteren Akzente.

Dass Aaliyah auch die klassischen R'n'B-Beats der 90er dominiert, zeigt sie im Non-Timbo-Abschnitt von "One In A Million". Auf "A Girl Like You" gesellt sich Treach von Naughty By Nature zur jazzig-souligen Boom Bap-Jam, "Got To Give It Up" und "The One I Gave My Heart To" sind klassische Schlafzimmersongs allererster Güte, "Choosey Lover (Old School/New School)" nickt hart mit dem Kopf und "Got To Give It Up" rasiert im straighten Four-To-The-Floor die Clubs.

Lyrisch prägen Aaliyahs erste Erfahrungen in der Liebe und der Emanzipation von anderen Männern und Menschen das Album. Die genannten Titel sprechen für sich. Die Sängerin lässt zudem ihre Baggy-Pants und weiten Hip Hop-Hoodies im Schrank und tritt selbstbewusst mehr Haut zeigend auf. Die große Charakterleistung Aaliyahs liegt darin, dass sie im Gegensatz zu vielen Teeniestars ihre Integrität und Eigenständigkeit als Mensch und Künstlerin behält. Das Album trägt so nicht nur Timbaland und Missy zu Weltruhm, sondern auch für Aaliyah öffnen sich ganz neue Türen.

Nach ihrem Abschluss an einer Theaterschule 1997 beginnt sie ihre Schauspielerkarriere. Der Serie "New York Undercover" folgt mit "Romeo Must Die" eine Kinoerfolg. Musikalisch hält sie in der Zeit mit "Are You Somebody" vom "Dr. Doolittle"-Soundtrack und ihren besten Track "Try Again" das Level und die Erwartungen hoch. Auch die der Plattenfirma.

Die endgültige Antwort auf den Traum und die Zweifel, ob sie dem Druck des Erfolgs gewachsen sei, erlebt sie nicht mehr. Nach ihrem Tod schießt ihr drittes Werk "Aaliyah" nach dem erwähnten schleppenden Start an die Spitze der Charts. Auch Fans und Kritiker erkennen die Leistung und Weiterentwicklung: Aaliyah emanzipierte sich von Timbaland und Missy Elliott und produzierte federführend ein starkes, breitgefächertes Album, das ihre Entwicklung zur starken, klugen Frau beweist.

Leider konnte sie diesen Weg nicht mehr fortsetzen. Es bleibt die Hoffnung, dass sich in ihren letzten Stunden im Flugzeug der Traum aus dem Zeit-Zitat erfüllt hat: "Dunkel ist es in meinem Lieblingstraum. Jemand verfolgt mich. Warum, weiß ich nicht. Ich habe Angst. Dann hebe ich plötzlich ab. Ich fliege davon. Weit weg. Wie ich mich dabei fühle? Als ob ich in der Luft schwämme. Frei."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Beats 4 Da Streets
  2. 2. Hot Like Fire  
  3. 3. One In A Million  
  4. 4. A Girl Like You
  5. 5. If Your Girl Only Knew  
  6. 6. Choosey Lover (Old School/New School)  
  7. 7. Got To Give It Up
  8. 8. 4 Page Letter  
  9. 9. Everything's Gonna Be Alright  
  10. 10. Giving You More  
  11. 11. I Gotcha' Back  
  12. 12. Never Givin' Up
  13. 13. Heartbroken  
  14. 14. Never Comin' Back  
  15. 15. Ladies In D House
  16. 16. The One I Gave My Heart To  
  17. 17. Came To Give Love

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7 Kommentare mit 9 Antworten

  • Vor 10 Monaten

    Mit einem Aaliyah Meilenstein hätte ich nicht gerechnet, aber total verdient! Wertet die Meilenstein-Rubrik in puncto Vielseitigkeit auf jeden Fall auf und ist eben auch ein sehr schönes Beispiel dafür, dass R&B auch schon vor den Innovatoren Frank Ocean und co. Qualität hatte und eben nicht immer nur Plastik-Schlafzimmer-Gejaule-Black-Pop gewesen ist. Und wo schon der Name Janet Jackson fällt - The Velvet Rope hätte doch auch mal eine Meilenstein-Rezi verdient oder nicht? :)

    • Vor 10 Monaten

      Finde ich auch berechtigt, Mama Janet wäre auch ne Maßnahme.

      Und natürlich gab es schon immer sehr guten und hörenswerten RnB, wer da pauschal alles in die Hochglanz-Gejaule-Ecke stellt ist noch genrefremder als ich.

      Anthony Hamilton wäre auch ein Kandidat.

      PS: Robbe, bin leider immernoch nicht zu Deinen Beyonce-Tipps gekommen, hole ich aber noch nach.

    • Vor 10 Monaten

      Würde eher "Rhythm Nation" nehmen. Fast nur Tanzflächenfeger, bis auf die letzten paar Balladen, die aber auch so einiges können. Ein Meilenstein für Janet wäre so oder so berechtigt.

    • Vor 10 Monaten

      Rhythm Nation ist auch toll, aber meiner Meinung nach hat einzig The Velvet Rope in dem Sinn Meilenstein-Status, als dass es einen riesen Einfluss auf nachfolgende R&B-Generationen hatte und auch heute z.T. noch super frisch und modern klingt.

    • Vor 10 Monaten

      Ich hatte tatsächlich gewürfelt. Velvet Rope hatte verloren :-D

  • Vor 10 Monaten

    musik für leute, die derlei gejaule mögen.

  • Vor 10 Monaten

    so in der retrospektive wärs irgendwie geiler gewesen, wenn r.kelly in dem flugzeug gesessen wäre...aber gott ist mir die fotze damals auf die eier gegangen