laut.de-Kritik

Düsteres Debüt aus dem Elsass: Allez les noirs!

Review von

Die bedeutungsschwangeren Ziffern 1984 im Namen zu tragen weckt auch bei weniger Literaturbeflissenen sofort die üblichen Assoziationen. Im vorliegenden Fall ist dies vielleicht weniger eine Reminiszenz an das Orwell'sche Jahr, sondern vielmehr an die Blütezeit des New Wave-Genres.

Einer Zeit, als so wichtige Alben wie das Debüt der Smiths, "Ocean Rain" von Echo & The Bunnymen oder "Hallowed Ground" von Violent Femmes in den Läden stehen und Synthiepop-Bands wie Depeche Mode, Duran Duran oder Human League die Charts dominieren.

Nach 80er-Tribut klingt es auch, sobald "Cocooning" mit einem Interpol-mäßigen Bass à la Carlos Dengler losballert. Der Refrain geht dann mehr in Richtung Chameleons, da auch die Gitarre etwas rockiger daherkommt. Es ist, als würde man ein Fotoalbum aufschlagen, das Bilder einer besonderen Vergangenheit zurück ins Heute projiziert. So zeigen die wirbelnden Twang-Gitarren von "Cache-cache" stark in Richtung B-52's, wobei immer ein schwermütiger Unterton überwiegt.

Auch "The Missing Voice" lebt von einem dunklen, schweren Gitarrenteppich, der aber mehr rauen Dampf im Abgang hat, ähnlich Cojones-lastig wie Madrugada. Apropos: Etienne Nicolinis kantiges Organ erinnert an den Norweger Sivert Høyem, bei den kraftvolleren und fast gequälten Passagen könnte man auch an Peter Murphy von Bauhaus denken.

Irgendwie stört mich bei allen Franzosen ja immer ihr distinguiert wirkender Akzent, wenn sie sich dem Englischen hingeben. Nicolini wirkt da eher frisch und unverbraucht bei einem derart angestaubten Sujet und legt durchweg eine total kredible Performance hin. Gesungen wird natürlich auch in der Muttersprache, wenn mit "L'Homme Aux Os" und "Baikal Amour Magistral" eine gute Prise Ska die Platte mit tanzbaren Elementen würzt.

Nicht zuletzt muss man sich vergegenwärtigen, dass hier ein Debütalbum vorliegt. Ein handfester Erstling dreier junger Straßburger von emotionaler Dichte und mit enormem Potenzial. Der vierte Mann im Bunde ist Produzent und Sounddesigner Hubert Pichot. Er verfügt seinerseits schon über eine zehnjährige Berufserfahrung, hatte bislang aber noch nie größere Namen unter seinen Fittichen.

Seine Arbeit wirkt sehr ausgefeilt und professionell und bleibt ohne jeden Tadel. Man kann nur hoffen, dass es sich bei 1984 nicht nur um ein One-Hit-Wonder handelt und die düsteren Gesellen aus dem Elsass noch ein paar weitere Scheiben einspielen. Man will ihnen angesichts vorliegender Meisterleistung einhelligen Szenenapplaus von Musikjournaille, Feuilleton und vor allem den Fans in spe wünschen. In diesem Sinne: Allez les noirs!

Trackliste

  1. 1. Cocooning
  2. 2. Cache-Cache
  3. 3. Skandiska
  4. 4. L'homme Aux Os
  5. 5. Swoon
  6. 6. Desert Dancers
  7. 7. The Missing Voice
  8. 8. Baikal Amour Magistral
  9. 9. The Last Men
  10. 10. The Wait
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